Süßungspflanzen
Wozu Süßungspflanzen selbst anbauen, wenn es doch so viel Zucker gibt, noch dazu günstig und in allen Varianten? Auf Grund der Monopolisierung von Zuckerrübensorten auf dem globalen Saatgutmarkt haben wir uns entschieden, selbst eine Zuckerrübe aus alten Sorten zu züchten – eine Gemüsezuckerrübe. Als Alternative zum Zuckerrohr, welches hier nicht wachsen kann, bieten wir außerdem ihre Verwandte, die Zuckerhirse an.
Wissenswertes über Zucker
Zucker! Unser heutiges süßes Leben ist eine direkte Folge der Kolonialgeschichte.
Zuckerrohr stammt aus der Inselwelt Melanesiens im Pazifik, wird seit 10.000 Jahren als Genussmittel genutzt und war zunächst in Asien bis nach Kleinasien und später auf der iberischen Halbinsel verbreitet. Im 11. Jahrhundert wurde es durch die Kreuzzüge in Nord- und Mitteleuropa bekannt. Zuvor dienten hier Honig und Früchte als Süßungsmittel. Christoph Columbus brachte Zuckerrohr in die Karibik, bereits nach wenigen Jahren wurden Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen eingesetzt.
Durch den transatlantischen Dreieickshandel – Sklav*innen aus Westafrika in die Karibik, Zucker und andere Kolonialwaren sowie Edelmetalle nach Europa und Waffen, Alkohol und Stoffe nach Afrika – steigerte sich der Zuckerkonsum und auch dessen Verarbeitung zu Süßigkeiten (Marzipan, kandierte Früchte u.ä.). Mit der Entdeckung des gleichen Zuckers, der Saccharose, in der Futterrübe, deren Züchtung auf höheren Zuckergehalt, dem Aufbau von Zuckerfabriken und Napoleons Kontinentalsperre löste der Rüben- den Rohrzucker in Europa ab und machte ihn für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich.
Zuckerrübe und Zuckerrohr stehen seither in direkter Konkurrenz zueinander. Heutzutage wird Zucker aus Zuckerrohr günstiger produziert als Rübenzucker. Eine weitere Konkurrenz besteht zwischen der Nutzung des Zuckers als Nahrungsmittel oder zur Gewinnung von Bioethanol, was als „nachwachsender Rohstoff“ pur (v.a. in Brasilien) oder gemischt (in der EU in E5 und E10) als Kraftstoff verbrannt wird.
Zucker ist aus der heutigen Ernährung nicht wegzudenken, als günstiger Kalorienträger, der „glücklich macht“ – kurzfristig. Die Folgen eines zu hohen Zuckerkonsums von raffiniertem Zucker und freiem Zucker (z.B. in Fruchtsäften) sind Karies, Gewichtszunahme, Diabetes Typ 2, psychische Probleme, Herz-Kreislauf-Erkrankungen u.a. Die von der WHO empfohlenen Tageshöchstmenge von 25 bis maximal 50 g Haushaltszucker wird in Deutschland mit durchschnittlich 100 g pro Person und Tag um ein Vielfaches überschritten. Zuckerproduktion und Zuckerkonsum wachsen, ebenso die krankmachenden Folgen: Fettleibigkeit hat sich seit 1975 weltweit verdreifacht, Hauptursache sind industriell verarbeitete Lebensmittel und gesüßte Getränke.
Der Zuckerrübenanbau in Deutschland findet auf besten Böden im Vertragsanbau statt. Nachhaltigkeit steht hier hoch im Kurs, um das Image der intensiven Monokultur zu verbessern. So schreiben die Zuckerverbände, dass inzwischen ca. 80% der Zuckerrübenanbaufläche im Mulchschichtverfahren bewirtschaftet wird, d.h. Reste von Vor- oder Zwischenfrüchten verbleiben auf dem Acker, um in der langsamen Jugendentwicklung der Rüben die Böden zu schützen. Nichtsdestotrotz ist der konventionelle Zuckerrübenanbau – trotz inzwischen gesunkenem Einsatz von Stickstoffdünger – eine intensiv bewirtschaftete und v.a. mit Herbiziden gespritzte Kultur. Die Ernte im Herbst, wegen der Kampagnen der Zuckerfabriken recht strikt getaktet, kann zu tiefgründigen Bodenverdichtungen im nassen Herbst und Winter führen.
Das alles, sowohl die gesundheitliche Folgen durch den selbst gewählten hohen Zuckerkonsum als auch der – schlimm genug – monokulturell-industrielle Zuckerrübenanbau in Europa, klingt recht harmlos gegenüber den gesundheitlichen Folgen des Zuckerrohranbaus in den tropischen Regionen der Welt. Über 80% des produzierten Zuckers weltweit stammen aus Zuckerrohr. Die Hauptanbauländer sind Brasilien, Indien und China. Der Anbau von Zuckerrohr nimmt stetig zu, neue Plantagen erfordern Abholzung oder die Landnahme von vorher für den Grundnahrungsmittelanbau genutzter Ländereien.
Der hohe Wasserbedarf, ein massiver Einsatz von Herbiziden und das eigentlich illegale Abbrennen der Felder zur Ernteerleichterung führt zu katastrophalen Folgen für Menschen und Umwelt. In Mittelamerika hat der Zuckerrohranbau durch die koloniale Geschichte für die relativ kleinen Volkswirtschaften eine sehr große ökonomische Bedeutung und wurde in den letzten Jahren stark ausgeweitet. Dort wird Niereninsuffiziens dem immensen Pestizideinsatz auf den Zuckerrohrplantagen zugeschrieben und hat als regionale Epidemie einen eigenen Namen: Mesoamerikanische Nephropathie.
Ein letzter Aspekt: Eine weltwirtschaftlich so wichtige cash crop steht auch im Fokus technologischer Entwicklungen. In den 80er und 90er Jahren wurde schon an einer Gentechnikzuckerrübe gearbeitet, die gegen einen Pilz resistent sein sollte. Da die KWS, viertgrößter Saatgutkonzern weltweit, parallel zu dieser Forschung eine entsprechende konventionell gezüchtete Zuckerrübensorte auf den Markt bringen konnte, hat sie von der Gentec-Rübe irgendwann Abstand genommen. 2005 wurde dann allerdings ihre Roundup-resistente Zuckerrübe H7-1 in den USA zum Anbau zugelassen und hat sich dort bis 2015 – auch aus Ermangelung anderen Saatgutes – im Anbau durchgesetzt. In der EU hat sie eine Importzulassung als Lebens- und Futtermittel. Produkte mit aus ihr hergestelltem Zucker müssen hier gekennzeichnet werden.
Gentechnisch verändertes Zuckerrohr hat eine Anbau-Zulassung in Brasilien (Insektenresistenz), und eine in Indonesien (Anpassung an Trockenheit). Der Anbauumfang scheint relativ gering zu sein, eine Importzulassung in die EU gibt es nicht.
Mit neuen Gentechnikverfahren wird in verschiedenen Ländern an der Effizienzsteigerung der Zuckerextraktion bei Zuckerrohr gearbeitet.
Quellen sind u.a.:
https://www.deine-gesundheitswelt.de/balance-ernaehrung/zucker
https://www.zuckerverbaende.de/wir-sind-zucker/ruebenanbau/zuckerruebenanbau/
https://agriportal.nordzucker.de/irj/go/to/de/ruebenanbau/oeko-zuckerruebenanbau
https://www.botgarten.uni-mainz.de/zuckerrohr/
https://www.2000m2.eu/de/genussmittel/zuckerrohr/
https://ltz.landwirtschaft-bw.de/,Lde/Startseite/Kulturpflanzen/Zuckerhirse
https://www.publiceye.ch/de/themen/saatgut/gefaehrliche-marktkonzentration
https://www.unendlich-viel-energie.de/mediathek/grafiken/wie-wird-bioethanol-hergestellt
https://www.transgen.de/datenbank/pflanzen
aufgerufen: 9. und 13.10.2024
aufgerufen: 22.11.2024
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