Weiße Erdbeere, Schwarze Kichererbse, Blauer Schwarzkümmel
Interview mit Dreschflegelin Miriam Glüer, geführt von Anja Banzhaf
Während Miriam und ich an diesem Interview arbeiten, erfahre ich, dass sie gerade eine „Tomatenschwemme“ hat – schon längst genügend Saatgut gewonnen, und noch immer hängen so viele Früchte! Und so besuche ich sie in diesem Sommer 2025 mehrmals, hole Tomaten zum Einmachen ab und schaue mir den steilen Acker an, von dem sie in unserem Gespräch erzählt.
Miriam, warum bist du Gärtnerin geworden, wie kam es dazu?
Nach der Schule bin ich erst nach Israel und dann nach Südafrika gereist. In Israel habe ich auf einer Bananenplantage und in Südafrika auf verschiedenen Biohöfen mit Gärtnerei gearbeitet. Das Arbeiten in der Landwirtschaft hat mich interessiert, mir aber zunächst einmal vor allem das Reisen ermöglicht. In Südafrika hat mich dann die Begeisterung fürs Gärtnern gepackt.
Wie bist du auf das Thema Saatgut gestoßen und wie hast du von Dreschflegel erfahren?
Im Rahmen meines Studiums der Ökologischen Agrarwissenschaften habe ich ein Praktikum in einer Gärtnerei der Kommune Longo maï in Südfrankreich gemacht, und dort wurde Saatgut für den Eigenbedarf erzeugt. Den vertiefenden Teil meines Praktikumsberichts habe ich über Puffbohnenauslese geschrieben und fand das sehr spannend.
Tja, und wer in Witzenhausen studiert, kennt Dreschflegel einfach! Als ein Bekannter von mir seine Mitarbeit auf dem Dreschflegelbetrieb von Stefi Clar beendet hat, wurde ich seine Nachfolgerin.
Und wie kam es dann, dass du selbst Dreschflegel-Gärtnerin wurdest?
Ich habe lange bei Stefi gearbeitet und später eine Weile auf dem Betrieb von Maren Uhmann. Die Vielfältigkeit der Arbeit und die Tatsache, dass ein relativ hoher Grad an Selbstversorgung damit realisierbar ist, hat mich begeistert. Die Samengärtnerei machte mir sehr viel Spaß und ich mochte die Dreschflegel*innen von Anfang an.
Auch ist für mich sehr wichtig, eine Arbeit zu machen, hinter der ich politisch stehe und die ich sinnstiftend finde. Samenfestes, ökologisches Saatgut innerhalb einer linken, feministischen Organisation zu erzeugen und zu vermarkten, erfüllen dieses Bedürfnis. All diese Punkte haben Dreschflegel spannend für mich gemacht – und so bin ich 2017 selbst Dreschflegelin geworden!
Nach wie vor überzeugt mich unsere Organisationsstruktur ohne hierarchische Strukturen. Ich wollte nie Chefin sein und nie eine Chefin haben. Die Idee, gemeinsam zu entscheiden, keine Minderheiten zu übergehen und einander auf Augenhöhe zu begegnen, sich wertzuschätzen und zu unterstützen statt in Konkurrenz zueinander zu stehen, fühlt sich für mich richtig an.
Wo liegt dein Betrieb und was charakterisiert deine Äcker?
Mein Partner Jakob und ich haben den Betrieb in Falkenhagen gegründet, einem kleinen Dorf 20 km östlich von Göttingen. Direkt an unserem Haus liegt ein sehr kleiner, aber ebener Acker mit sehr gutem Boden. Ungefähr einen Kilometer entfernt haben wir einen weiteren Acker von etwa einem Hektar, der sehr steil und in alle erdenklichen Richtungen geneigt ist. Oben ist der Boden tonig, steinig und nicht besonders tiefgründig, unten findet sich bester Lößboden. Dieser Acker ist also sehr abwechslungsreich und bietet verschiedene Standorte für die unterschiedlichen Ansprüche der Pflanzen.
Das steile Gelände macht das Arbeiten anstrengend, aber es ermöglicht uns auch, zu bewässern. Es gibt dort zwar keine Wasserleitung, keinen Brunnen und keinen Strom – aber wir können Wasserfässer oben an den Acker stellen und das Wasser über Tropfschläuche den Berg hinunter fließen lassen.
Trotzdem ächzen wir manchmal über das steile Gelände, und dann versuchen wir uns immer wieder ins Gedächtnis zu rufen: Es war schwer genug, überhaupt einen passenden Acker zu finden. Die Verteilung und Eigentumsverhältnisse von Land sind alles andere als ein Wunschkonzert. Aufgrund der Einkreuzungsgefahr aus den Hausgärten suchten wir damals einen Acker, der ein Stück weit vom Dorf entfernt und zudem abgegrenzt zu den konventionellen Äckern liegt – und da ist unser jetziger Acker der einzig geeignete, der zu bekommen war.
Beim Gang über diesen steilen Acker fand ich bemerkenswert, dass die Pflanzen auffallend üppig wachsen – riesige Fenchel, kräftige Paprikapflanzen voller Früchte, wüchsige und gesunde Tomaten ... Woran liegt das?
So genau weiß ich das auch nicht. Wir düngen mit Mist, aber nicht besonders viel. Da der Acker größer ist als für unseren Anbau nötig, können wir häufig und über recht lange Zeiträume hinweg mit Gründüngungen arbeiten, das steigert natürlich die Bodenfruchtbarkeit.
Abgesehen davon glaube ich, dass ich eine gute Intuition habe, zu welchem Zeitpunkt die Pflanzen was brauchen. Ich kann das gar nicht richtig beschreiben und vielleicht klingt es auch komisch, aber auf eine eher unbewusste Weise scheine ich eine gute Verbindung zu den Pflanzen zu haben.
Für mich klingt das wunderschön und es ist deinen Pflanzen anzusehen! Wie viele Sorten baust du denn an? Und gibt es darunter welche, die du besonders gern magst?
Ich baue 82 verschiedene Sorten an und mag davon viele besonders gerne! Zum Beispiel die Zwiebel Red Baron mit ihren guten Lagereigenschaften und wunderschönen Samenträgern, die weiße Monatserdbeere, die ich monatelang beim Arbeiten auf dem Acker naschen kann, oder die schwarze Kichererbse Black Kabuli mit ihren filigran gefiederten Blättern und lustig raschelnden erntereifen Hülsen.
Aber auch den sowohl zur Blüte als auch zur Samenreife außerordentlich hübschen Damaszener Schwarzkümmel Oxford Blue, dessen Saatgut zudem auch noch duftet, und die Skabiosenmischung, die unglaublich viele Schmetterlinge anlockt und besondere Farben hat. Und es fallen mir noch viel mehr ein ...
Wer arbeitet mit dir auf Hof und Acker?
Zur Zeit arbeitet nur Jakob fest mit mir auf dem Hof und Acker. Wir hatten aber in den vergangenen Jahren auch eine Mitarbeiterin. Und immer wieder helfen uns Freund*innen und Bekannte.
Wie bearbeitet ihr eure Böden?
Wir haben einen kleinen Carraro-Trecker (eigentlich ein Trecker für den Weinbau und daher leicht und wendig) und einen Einachser, mit dem wir fräsen, manchmal hacken und häufeln. Außerdem haben wir einen Parzellenmähdrescher, den wir aber meistens im Stand benutzen. Zum Pflügen leihen wir uns einen größeren Trecker von einem befreundeten Biobetrieb in der Nachbarschaft. Auf Dauer möchten wir aber gerne vom Pflügen wegkommen, um den Boden und das Bodenleben zu schonen.
Ansonsten arbeiten wir viel von Hand, mit diversen Hacken und Jätern sowie am meisten (und liebsten!) mit der Radhacke. Mein Traum ist es, den Acker mit dem Pferd statt mit Maschinen zu bewirtschaften, aber bisher konnte ich das leider noch nicht realisieren.
Wo trocknet ihr das Saatgut, wie und wo reinigt ihr es?
Das meiste trocknen wir in unserem Folientunnel bei uns am Hof. Wenn wir ganz viel auf einmal ernten, können wir in die Scheune ausweichen. In unserem Haus haben wir eine Saatgutwerkstatt eingerichtet, dort arbeiten wir mit einer kleinen Windfege, Handsieben und einer Mini-Petkus, die eine Sieb- und eine Windreinigung sowie einen Trieur hat. So können wir den Großteil unseres Saatgutes reinigen.
Das, was wir bei uns nicht hinbekommen, z.B. weil wir keinen Standdrescher haben, um kleinere Mengen bzw. feineres Saatgut zu dreschen, reinigen wir bei unseren Dreschflegelkolleg*innen in Schönhagen.
Was schätzt du an deinem Dorf und der Umgebung?
Die schöne hügelige Landschaft. Vom oberen Rand unseres Ackers aus kann man ziemlich weit blicken und sieht fast nur Felder und Wald. Und dass es hier so ruhig ist. Falkenhagen ist ein kleines Dorf mit ca. 130 Einwohner*innen, und es gibt hier keinen Durchgangsverkehr.
Ich schätze auch, dass die Leute relativ entspannt sind und viele noch einen Bezug zur Landwirtschaft haben. So kann man auch mal mit dem Trecker die Straße etwas erdig machen, ohne dass sich jemand beschwert.
Was interessiert dich grundlegend an der Saatguterzeugung?
Mich interessiert, fasziniert und begeistert, die Pflanzen in ihrem gesamten Lebenszyklus von Samen zu Samen zu begleiten, die Vielfalt der unterschiedlichen Samenformen und Vermehrungsstrategien. Und ich liebe den blühenden Acker und die ganzen Bestäuber*innen, die er anzieht.
Ich habe ein großes Interesse daran, samenfestes Saatgut zu erzeugen, das von allen weiter vermehrt werden kann. Mir ist es wichtig, dass das Saatgut als unsere Lebensgrundlage in den Händen vieler Menschen und nicht in den Händen einiger weniger Konzerne liegt. Auch liegt mir sehr daran, unterschiedlichste Sorten zur Verfügung zu stellen, bei denen Geschmack, Widerstandskraft und Vielfalt wichtiger sind als Kriterien, die Gemüse im Supermarkt vermarktbar machen.
Welche Herausforderungen bringt für dich das Gärtnern im Klimawandel?
Die extremen Wetterlagen. Seit ein paar Jahren beobachte ich beim Wetter fast nur noch Extreme. Es ist entweder lange extrem trocken und wir müssen bewässern, was einen hohen Arbeitsaufwand bedeutet und sehr ressourcenintensiv ist. Oder es ist über einen längeren Zeitraum extrem nass, immer wieder haben wir auch Starkregen, der zu Erosion an unserem hängigen Acker führen kann.
Neben der Mehrarbeit und den erhöhten Kosten finde ich es auch emotional herausfordernd, so unmittelbar den Klimawandel zu spüren, zu sehen, was mit unserer Umwelt passiert und zu ertragen, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft diesem Problem so wenig Priorität einräumen.
Du hast nun schon den Klimawandel, aber auch Kulturpflanzenvielfalt und Zugang zu Ackerland als politische Themen genannt, die dich rund ums Gärtnern bewegen. Möchtest du dem noch etwas hinzufügen?
Mich beschäftigt sehr die Vereinnahmung der ökologischen Landwirtschaft durch Menschen mit rechtsextremen Positionen: Themen wie Ökologie, Selbstversorgung und auch „heimische Sorten“ werden zunehmend von Rechten besetzt und es wird immer wichtiger, genau hinzuschauen, welches Grundverständnis hinter dem Einsatz für diese Themen steht. Weitere politische Themen, die in der Landwirtschaft für mich eine große Rolle spielen, sind Gentechnik, Patente und Land Grabbing.
Die Frage, wer wieviel Macht über die Saatgut- und Nahrungsmittelerzeugung hat, ist einfach hoch politisch, da es um unser aller Lebensgrundlagen geht. Neben diesen großen Themen – welche kleinen Dinge bereiten dir im Alltag Freude?
So ganz spontan fällt mir da gerade die Gewinnung von Wassermelonensaatgut ein. Während wir die Samen herauspulen, können wir ohne Ende Wassermelone essen!
Ihre Frage wurde nicht beantwortet oder Sie brauchen noch einen Rat?
Unser Gartentelefon hilft Ihnen gern weiter:
(Jan. bis Okt. Mittwoch 18-20 Uhr)
