Dreschflegel Bio-Saatgut

Samenbau: Saatgutaufbereitung (Autor: Jens Eichler, 2020)

Vorbemerkung

In den letzten neun Jahren haben wir in dieser Artikelreihe viele für Selbstversorger*innen wichtige Gemüsearten im Hinblick auf die Saatgutgewinnung vorgestellt und besprochen.

Bei den Überlegungen zu einem weiteren Teil fanden wir rückblickend unsere „Serie“ recht umfassend und kamen so auf die Idee, sie mit einem abschließenden Überblick über die Saatgutaufbereitung, also das Dreschen und Reinigen, zu beenden.

Ich konzentriere mich dabei auf einfache Techniken und Hilfsmittel, damit nicht der Eindruck entsteht, es müssten erst mal viele teure Maschinen und Geräte angeschafft werden, bevor mit der Saatgutgewinnung begonnen werden kann.


Wichtiger Hinweis, bevor es losgehen kann!

Eigentlich wollte ich mit dem Dreschen anfangen, aber ich merke gerade, dass noch ein Schritt davor erwähnt werden sollte. Ich wollte nämlich heute Morgen selber dreschen und musste feststellen, dass das Dreschgut über Nacht ein wenig klamm geworden war und sich gar nicht ohne Weiteres dreschen ließ.

Ich war da etwas verwöhnt von dem für das Münsterland völlig unnormal trockenen und heißen Sommer, viele Tage sogar völlig ohne Taubildung. Normalerweise ist es für mich hier durchaus eine Herausforderung, meine Ernten, die sich über den gesamten Sommer und Herbst erstrecken, so gut zu trocknen, dass sie dreschbar sind.

Wer also selber Saatgut gewinnen möchte, sollte sich die Möglichkeit schaffen, ganze Samenträger, Samenstände, abgeschnittene Dolden etc. an einem warmen, gut durchlüfteten Ort nachreifen zu lassen. Hierfür kann schon ein Dachüberstand einer Südwand ausreichend bzw. optimal sein.

Je nach Art des Saatgutes essen auch Vögel und Mäuse gerne mit, und ich treffe jedes Jahr wieder andere mehr oder weniger kreative Vorkehrungen, um das zu minimieren...


Jetzt aber zum Dreschen

Das bedeutet eigentlich nur, die Samen von den sie umhüllenden Verpackungen oder den sie festhaltenden Strukturen zu befreien. Das klassische Werkzeug hierfür ist natürlich der Dreschflegel, ein ca. 50 bis 80 cm langes Schlagholz, das über ein flexibles, stabiles (!!!) Ledergelenk an einem langen Stiel befestigt wird.

Das Dreschgut liegt auf einem glatten, sauberen und ausreichend großen Untergrund (man braucht einige Quadratmeter, weil die Körner zum Teil weit fliegen) und wird mit dem Dreschflegel geschlagen, dann zwischendurch gewendet und weiter geschlagen, bis sich die Körner gelöst haben.

Diese Methode eignet sich gut für mittlere und größere Getreideernten, weniger für Gemüsesaatgut. Ich habe sie mehr der Nostalgie und unseres Namens wegen erwähnt.

Sehr viel praktischer und universell einsetzbar finde ich das Austreten der Samen. Bei größeren Mengen Erbsen oder Bohnen z.B. kann das auf einer großen Plane ausgebreitete Dreschgut regelrecht ausgetanzt (ab jetzt nur noch Dreschpartys?) werden, und über das Anheben der Folienränder werden Körner auf Abwegen schnell wieder zur Mitte dirigiert.

Bei kleineren Mengen eignen sich die Mörtelwannen aus dem Baustoffhandel hervorragend. Hierin lassen sich z.B. gut alle Schoten der diversen Brassica-Arten öffnen und vieles andere auch. Hierbei gilt auf jeden Fall: je trockener, desto besser, weil beim Austreten in der Regel kaum Samen zerstört werden. Und falls ich das bemerke, wähle ich weichere Schuhe oder stehe nur mit einem Bein in der Wanne, um den Druck besser zu kontrollieren.

Eine andere Variante, die ich sehr schätze, ist eine ungefähr bauchnabelhohe Tonne. Hier steige ich nicht rein, sondern halte Samenstände kopfüber in die Tonne und schlage sie gegen die Innenwand. Das geht sehr gut bei Salaten, Chicoree/ Endivie und auch vielen Kräutern. Hierfür dürfen die Samen nicht in einer festen Verpackung sein, sondern müssen von der Pflanze relativ leicht freigegeben werden.

Der große Vorteil dieser Methode ist, dass ich fast nur ausgereifte Samen erhalte und somit eine sehr gute Keimfähigkeit. Die unreifen Samen benötigen oft eine höhere Intensität beim Dreschen, die ich mit dieser Methode nicht erreiche.

Dann gibt es immer irgend etwas, das sich nicht so gerne dreschen lassen will. Eine noch höhere Wirkung kann ich dann durch Reiben auf einem Sieb erreichen. Optimal wäre ein robustes Sieb aus dicken Drähten, das die Samen durchfallen lässt, die Verpackung aber nicht. Dafür empfehlen sich Handschuhe!

Und zu guter Letzt möchte ich nicht das einfache Auspulen von Hand vergessen. Sicherlich nicht die schnellste Lösung, aber bei kleinen Mengen und widerspenstigem Erntegut manchmal die Methode der Wahl.


Die Guten ins Töpfchen...

Welchen Weg wir auch gewählt haben, wir sehen jetzt wahrscheinlich einen Haufen zerstückeltes Irgendwas vor uns, im ungünstigen Fall noch mit diversen Beikrautsamen vermischt (von denen sich viele super dreschen lassen ...).

Nun stehen wir vor der Aufgabe, aus diesem Gemisch möglichst nur die keimfähigen Samen der gewünschten Art heraus zu reinigen. Dabei bediene ich mich erst mal grundsätzlich zweier unterschiedlicher Methoden: der Trennung nach Größe mit Hilfe von Sieben und der Trennung nach dem spezifischen Gewicht mit Hilfe von Wind. Auch die Samenform hat hier Einfluss auf das Verhalten im Luftstrom.

Das Sieben...


Das wichtigste Werkzeug: Siebe aller Art

Das Grundprinzip beim Sieben ist erst mal, alles, was größer oder kleiner als das gewünschte Saatgut ist, auszusortieren. Hierfür ist es sehr hilfreich, verschiedene Siebe mit verschiedenen Maschenweiten zu haben, optimalerweise auch mal solche mit Schlitzen bzw. Langlöchern oder Rundlöchern. Es gibt noch eine mir bekannte Herstellerin von Holzrandsieben in Österreich: Maria Schulz in Villach (www.holzsiebe.com).

Allerdings ist es meistens gar nicht nötig, sehr viele Siebe zu kaufen, wenn man sich mit offenen Augen und etwas Kreativität umschaut. Es verstecken sich überall Siebe: in der Küche, Fliegengitter, Mäuse- und Kaninchendraht, Abdeckgitter von Kellerfenstern, der Kühlergrill vom Oldtimer etc.

Es ist sehr praktisch, wenn die Siebe etwas kleiner sind als die verwendeten Bottiche oder Schüsseln. Das Sieben als solches ist einfach, ich achte nur darauf, dass ich die Siebe nicht zu voll mache, sonst dauert es zu lange, bis alles Material Kontakt zur Siebfläche bekommt.

Dann empfiehlt es sich immer, in mehreren Schritten zu sieben, nach dem Dreschen z.B. erst mal ein sehr grobes Sieb verwenden und dann feiner werden. Die feineren Siebe, durch die das Saatgut nicht mehr durchfällt, dienen dazu, um Staub, Erde, Beikrautsamen und Kümmerkörner loszuwerden.

Der Wind ...

Wenn wir nun auf diese Weise zu Großes und zu Kleines aussortiert haben, kann uns der Wind helfen, nach Gewicht zu sortieren. Dazu wählen wir einen Tag mit möglichst gleichmäßigem, stetigem Wind, breiten ein ausreichend großes Tuch auf dem Boden aus und stellen uns seitlich an den Anfang des Tuches, so dass wir nicht im Windkanal stehen und den Prozess stören.

Wir lassen unser Siebergebnis sehr gleichmäßig aus einer gewissen Höhe (Bauch-Brust) auf das Tuch rieseln und werden staunen, wie der Wind leichtere Bestandteile weiter fortträgt und schwerere fast senkrecht herunterfallen.

Eine klare Schwarz-Weiß-Trennung gibt es so nicht, sondern fließende Übergänge. Wir entscheiden dann einfach, wo wir die Grenze ziehen, welche Samen uns schwer genug erscheinen und welche wir verwerfen.

Wenn gute Bedingungen herrschen, ist diese Methode erstaunlich effektiv und wir können durch Fallhöhe und -geschwindigkeit Einfluss auf das Ergebnis nehmen, außerdem ergeben sich manchmal richtige Kunstwerke.

Für die meisten Fälle und den Privatgebrauch sollte eine Reinigung nach dieser Anleitung ausreichen. Der Vollständigkeit halber erwähne ich noch kurz einige weitere Techniken:

Mit dem Sieb:

  • Das „Abdrehen“: Wir wählen ein feines Rundsieb, durch das nichts durchfällt, füllen viel Material in das Sieb (mindestens einige Zentimeter hoch) und schwenken das Sieb waagerecht mit kreisenden Bewegungen. Leichtes Material wird dadurch an die Oberfläche massiert und bündelt sich im Idealfall nach einiger Zeit in der Mitte, wo es dann mit einer kleinen Schaufel abgenommen werden kann.

    Wenn es am Anfang nicht gelingt, diese Bewegungen kontrolliert auszuführen, kann das Sieb auch auf einer glatten Tischplatte aufgesetzt und dann geschwenkt werden, das ist einfacher.Diese Technik empfiehlt sich, wenn gerade mal kein Wind weht.

    Bei uns heißt diese Technik „Aufschwimmen lassen“ und könnte dem Namen nach mit einer Technik der Nassreinigung verwechselt werden, die wir „Schwemmtrennung“ nennen. Diese wurde ausführlich im vorangegangenen Artikel dieser Reihe vorgestellt, der sich mit der Saatgutgewinnung bei Tomaten beschäftigt. Er ist in den Saaten & Taten 2019 oder auf unserer Homepage im Archiv zu finden.
  • Das „Stauchen“ ist meiner Meinung nach die Königsdiziplin und schwer zu erlernen. Ein straff gespanntes feines Sieb ist nötig, wenig Saatgut wird in das Sieb gegeben, und bei leichter Schräghaltung des Siebes (zu mir geneigt) müssen lockere Auf- und Abwärtsbewegungen ausgeführt werden, die bewirken, dass schwereres Saatgut auf der schrägen Siebfläche nach oben wandert und leichteres am unteren Siebrand abgelagert wird. Sehr gut geeignet für kleine Mengen und eine sehr exakte Trennung.
  • Daneben wäre noch das Abrollen zu erwähnen, wobei wir Saatgut eine schräge Ebene herabrollen lassen. Runde und glatte Körner rollen herunter und schrumpelige oder halbierte bleiben unterwegs liegen. Der Prozess wird über die Neigung der Platte gesteuert.

Zum guten Schluss

Ich finde den gesamten Bereich der Saatgutaufbereitung sehr interessant, weil er immer wieder Kreativität und handwerkliches Geschick einfordert.

Neben den grundsätzlichen Regeln gilt nämlich ebenso, dass jedes Jahr wieder alles anders ist und die Vorgehensweise vom letzten Jahr nicht unbedingt dieses Mal auch wieder zum gewünschten Ergebnis führt.

Daher wäre meine Empfehlung zu dem Thema: Physikalische Grundprinzipien verstehen, aber dann keine Doktorarbeit draus machen, sondern den Kühlergrill vom Oldtimer abmontieren und loslegen.


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