Dreschflegel Bio-Saatgut

Dreschflegel gegen braune Tendenzen

Im Winter 2018/19 fand in Witzenhausen die Veranstaltungsreihe „Heimat, Volk und Scholle – Rechts(d)ruck im ländlichen Raum“ statt. Einer der Vorträge thematisierte die Buchreihe „Die klingenden Zedern Russlands“ von Wladimir Megre und die daraus entstandene Anastasia-Bewegung.

Moment – hatte nicht einer der Dreschflegel in den vergangenen Jahren Saatgut auf Anastasia-Festivals verkauft? Hatte nicht ein anderer Dreschflegel begeistert von diesen Büchern erzählt? Gab es nicht einen Kunden, der eines unserer Saatgutseminare besucht hatte und selbst einen Familienlandsitz nach Vorbild der Anastasia-Bücher gründen wollte? Wir befassten uns näher mit dieser Thematik, recherchierten, lasen, diskutierten und stellten fest:

Auch im Internet wird Dreschflegel an verschiedenen Stellen mit der Anastasia-Buchreihe in Zusammenhang gebracht. In den Anastasia-Büchern werden Themen behandelt, von denen sich ökologisch interessierte Menschen angesprochen fühlen können, wie beispielsweise eine naturnahe Lebensweise und Selbstversorgung durch Gärtnern.

Doch sind in den Büchern zahlreiche antisemitische, verschwörungsmythische und sexistische Inhalte zu finden. Die Anastasia-Bewegung weist teilweise eine deutliche personelle Nähe zur extremen Rechten auf und hat sich bisher nicht klar und öffentlich von dieser abgegrenzt.

Der offensichtlich gewordene Rechtsdrift in der Gesellschaft polarisiert: Sollen wir als Saatgutinitiative Stellung zu Themen beziehen, die nicht in erster Linie mit Saatgut zu tun haben und damit diese Polarisierung „befeuern“? Schon 2015 war Dreschflegel auf einer reichsbürgernahen Internetseite verlinkt worden, was wir in den Saaten & Taten 2016 thematisierten.

Seitdem schärften weitere Vorfälle unser Bewusstsein zu dieser Thematik. Wir bekamen eine Mail mit einer harmlosen inhaltlichen Frage, darunter ein Hakenkreuz.

Einer anderen Mail waren mehrere Reichsbürgerlinks angehängt. Bei der Internetrecherche stießen wir auf rechtsesoterische Seiten, die per Link unser Saatgut empfahlen.

Darum und trotz der Polarisierungsdebatte veröffentlichen wir nun nach intensiven Diskussionen eine ausführliche Positionierung, in der wir erneut die thematischen Überschneidungen zwischen rechten Ideologien und ökologischen Themen explizit benennen.

Unsere Felder sind bunt!

Wir Dreschflegel setzen uns in unserem Alltag mit Selbstversorgung, biologischer Landwirtschaft, regionalen Kreisläufen, Ernährungssouveränität und konzernunabhängiger Produktion von samenfestem Saatgut lokal angepasster Sorten auseinander.

Diese Bereiche sind – wie alle ökologischen Themen – anschlussfähig für rechtsextreme Positionen: Ökolandwirtschaft wird von Rechten und völkischen Siedler*innen hierzulande als „dem deutschen Boden“ oder „dem deutschen Volke“ zuträglich angesehen, lokal angepasste Sorten können rechter Ideologie nach als „heimische“ oder „nationale“ Sorten befürwortet werden.

Die Produktion von Saatgut samenfester Sorten können rechtsextreme Gruppierungen als Praxis gegen „ausländische, fremdgesteuerte Konzerne“ oder gar gegen angebliche „jüdische Verschwörung“ sehen und Selbstversorgung als eine Maßnahme zur Förderung „nationaler Autarkie“ und zur Abgrenzung von „außen“.

Unser Einsatz für ökologische Landwirtschaft und samenfestes Saatgut begründet sich auf einem zu diesen Positionen grundverschiedenen Verständnis.

Wir sind für eine vielfältige und demokratische Gesellschaft, die die Menschenrechte anerkennt und möglichst große Spielräume für selbstbestimmte Lebensentwürfe lässt. In dieser Gesellschaft müssen alle Menschen gleichwürdig teilhaben und Schutz erfahren können – unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft, Alter, Religion oder Weltanschauung, sexueller Identität, materieller Situation, körperlicher oder seelischer Beschaffenheit.

Wir stehen für ein linkes und feministisches Weltverständnis, welches sich positiv auf einen sozialen, Rollenklischees aufbrechenden Fortschritt bezieht, aber neuen technischen Errungenschaften oft kritisch gegenübersteht.

Wir sind hingegen aufgeschlossen für technische Neuentwicklungen, wenn sie nicht nur an Symptomen, sondern an Ursachen ansetzen und komplexe ökologische Gegebenheiten sowie das Vorsorgeprinzip berücksichtigen.

Wir wollen in einer Welt leben, in der wir unser Eingebundensein in die Natur anerkennen und einen respektvollen und achtsamen Umgang mit der Verletzlichkeit und Widerstandsfähigkeit der Erde und ihrer Ökosysteme pflegen. Hierzu gehört ein verantwortungsvolles Handeln im Sinne begrenzter Ressourcen und globaler Gerechtigkeit.

Doch es gibt keine einfachen Lösungen: Auch unsere Lebensentwürfe – mit Teilhabe an kulturellem Leben und vielen Kompromissen – sind eingebunden in diese Gesellschaft mit ihren technischen und ökonomischen Gegebenheiten. Diese Widersprüche gilt es auszuhalten.

Aushalten wollen wir auch, einerseits für vielfältige und selbstbestimmte Lebensentwürfe einzustehen und andererseits mit ansehen zu müssen, dass die Lebensentwürfe vieler Menschen so gar nicht dem entsprechen, was wir angesichts aktueller Krisen für sinnvoll, richtig und notwendig erachten.

Aber eine Welt ohne Widersprüche wäre autoritär, weil sie keine Abweichung verträgt. Dieses Spannungsverhältnis zeigt uns, dass wir für soziale, politische, materielle und ökologische Veränderungen eine demokratische Streitkultur brauchen.

Unsere Gesellschaft soll offen für alle sein – und daher dulden wir keine Positionen, die anderen eine gleichwürdige Teilhabe aberkennen. Wir sprechen uns klar gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und gegen alle weiteren Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aus.

Autoritäre Ansätze, menschenverachtende Verhaltensweisen, Ausgrenzung, Hass und Hetze sollen bei uns keinen Platz haben. Das bedeutet, dass auch wir unsere eigenen Muster weiterhin kritisch beobachten.

Wir treten für einen solidarischen Umgang miteinander ein und versuchen, das Weltgeschehen möglichst differenziert zu betrachten. Wir sprechen uns gegen vereinfachende Erklärungen, Feindbilder und Verschwörungsmythen aus, die oftmals ein irrationales Misstrauen gegenüber häufig diskriminierten Gruppen schüren und die Komplexität der sozialen Realität deutlich reduzieren.

Wir sind uns der Überschneidungen zwischen unseren Themenfeldern und denen rechter Gruppierungen bewusst. Wir sehen uns in der Verantwortung, auf diese Problematik aufmerksam zu machen, uns in einem fortlaufenden Prozess mit unseren eigenen Positionen auseinanderzusetzen und diese immer wieder transparent zu machen – auf unserer Homepage, auf unseren Betrieben, in den Saaten & Taten und in unserer gelebten politischen Praxis.

Die Dreschflegel im Sommer 2019

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