20 Jahre Kontrapunkt am Saatgutmarkt

"Dreschflegel"-Biographie zum Jubiläumsjahr 2010 (Autor: Ludwig Watschong)

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Geburt
Selbst die Geburt eines Ereignisses ist nie der Beginn einer Geschichte, denn davor gab es immer eine Entwicklung hin zu dieser Geburt. Womit also anfangen? Entwickelt hat sich die Idee, Saatgut gewerblich anzubieten, aus dem Wunsch, Kulturpflanzen vor dem Verschwinden zu bewahren und die Basis unserer Ernährung nicht den Großkonzernen zu überlassen.

Mich persönlich hatten Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts die Bücher von Pat Mooney (Saatgut und Welthunger) und von Bernward Geier (Saatgut aus dem eigenen Garten) sensibilisiert für die Frage der Vielfalt bei Kulturpflanzen. Ich besuchte Seminare zum Thema Saatgut; Bernward Geier unterstützte mein Vorhaben, eine Organisation zum Schutz alter Sorten und Arten unserer Nutzpflanzen zu gründen. So wurde 1986 in Worpswede der Verein VEN (Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt) aus der Taufe gehoben.


Einstieg
Einige Jahre später wurde deutlich, dass die ausschließlich ehrenamtliche Produktion von Saatgut in zunehmendem Umfang nicht mehr zu bewältigen war. So wurden unter den Mitgliedern des VEN Interessierte gesucht, die bereit waren, diese Arbeit in einem gewerblichen Rahmen kooperativ durchzuführen.

Wann die ersten Gespräche geführt wurden, ist nicht mehr recherchierbar. Sicher ist: das erste Treffen fand am 13./14. Oktober 1990 in Witzenhausen statt. Eine sinnvolle Ortswahl, da wir Bio-Saatgut anbieten wollten und hier Studierende der ersten "Bio-Agrar-Uni" gerade begonnen hatten, sich mit Saatgutfragen auseinander zu setzen. Unser Anliegen war, den Kleingärtnern, Selbstversorgerinnen und Hausgärtnern ökologische Saaten von alten und bewährten Sorten anzubieten.


Namensfindung
Zuerst nannten wir uns "Arbeitskreis für biologisches Saatgut". Wir trafen uns mindestens 4 Mal im Jahr und besuchten während dieser ersten Jahre auch andere ZüchterInnen, um zu sehen, wie andernorts Saatgut produziert wird. Ich erinnere mich an eine Fahrt zu den "BingenheimerInnen", wo wir die professionelle Reinigung bewunderten.

Auch Chrestensen, ein Samenbau-Betrieb in Thüringen, erhielt einen Besuch. Diese Firma war gerade wieder von den ehemaligen Besitzern übernommen worden, und die Chefs erhofften sich von uns "Wessis" Tipps zum für sie "neuen Markt" des biologischen Saatgutes. Die Genbank Gatersleben durfte natürlich nicht fehlen, wo wir eine große Vielfalt an Sorten und Arten bestaunen konnten. Die "Getreide-Schmidts" wiederum erzählten uns etwas über den Einfluss der Sterne auf das Wachstum der Pflanzen.

Im Jahre 1993 wurde dann der Name Dreschflegel für unsere Betriebsgemeinschaft geboren. Andere Ideen, die dann aber verworfen wurden, waren "Kornkammer" oder "Samentruhe". Wichtig war uns von Anfang an, eine Gemeinschaft ohne ChefIn zu sein: Jede ist sein eigener Chefin und zusammen gestalten wir die Arbeit im Konsens.

Der Vertrieb des Saatgutes fand zuerst bei "Kristall-Schubi" in der Wohnung, dann auf dem Betrieb von Wolfgang Kreimer statt. Jeden Winter verbrachte ich nun einige Wochen auf dem Mühlenhof, um beim Verkauf mitzuhelfen. Nebenbei blubberte dort im Garten ein großer alter Waschbottich mit Rübenschnitzeln, um leckeren Rübensirup zu produzieren.


Auftritt
Das Emblem der Dreschflegelgemeinschaft war bis 1994 der im Kreis angeordnete Begriff "Dreschflegel-Saatgut", in der Mitte ein alter bäuerlicher Dreschflegel. 1994 gestaltete uns eine Freundin die Möhrenblüte mit Schmetterling, welche von da an zu unserem Markenzeichen wurde.

Ende der Neunziger Jahre traten wir aus den Schuhen des Aschenputtels heraus: Die Nachfrage stieg rasant an, und wir mussten uns sputen, die Erzeugung dem Bedarf anzupassen. Desweiteren gestalteten wir zuerst die Tüten, dann auch unser Sortenangebot neu: größer und auf unkonventionelle Art inzwischen auch farbig.

Einige KundInnen hatten durch ihre Anregungen daran Anteil. Quirin Wember setzte das alles um und mit seinem künstlerischen Einsatz starke Akzente, indem er unsere Sorten malerisch ins Bild brachte. Bis 1994 wurde das Sortenangebot auf Din-A4 Seiten gedruckt. Von 1994 bis 2000 erschien das Angebot in einem gehefteten länglichen Briefformat.

Ab 2000 hatte es eine Din-A5 Größe und hieß nun "Saaten & Taten": Wir begannen, darin interessante Artikel und Pflanzenporträts zu veröffentlichen, über unsere politische Arbeit zu berichten und Termine bekanntzugeben. So wurde aus einer "lose-Blatt-Sammlung" eine informative, ästhetisch ansprechende und nützliche Broschüre.


Versand
Im Jahre 2001 wechselte der Dreschflegel seinen Versandstandort von Melle nach Witzenhausen, und es wurden Kerstin Siegmann, Jens Molter und Holger Mittelstraß als VersandmitarbeiterInnen eingestellt. In der Hauptsaison von Januar bis April halfen und helfen dort Dreschis, Studierende und PraktikantInnen.

2004 stiegen Jens und Kerstin aus, dafür kamen Andrea Emde, Petra Reisinger und Markus Klett dazu. Unter Beibehaltung einer sehr angenehmen Betriebsatmosphäre wurde bei der Computerausstattung immer stärker nachgelegt und das Internet zum Tagesgeschäft. Der Internetauftritt verbindet sich seitdem im Stil mit dem Tüten- und S&T-Design, ein Shopangebot bietet den KundInnen eine zusätzliche Bestellmöglichkeit. Seit letztem Jahr freuen wir uns über die engagierten Mitwirkenden Jovana Watschong und Britta Mallach.


Lehre und Lernen
Unseren Wunsch, die Kulturpflanzenevolution auf breiter Basis wieder in Gang zu bringen, erfüllten wir uns mit einem Bildungsangebot. Seit 2000 bieten wir unseren KundInnen und Interessierten in Zusammenarbeit mit dem VEN Saatgutseminare an, in denen wir unsere Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Samenbau weitergeben. Diese Seminare finden bei Blankenburg und in Schönhagen mit Unterstützung der nahegelegenen Dreschflegel-Betriebe und der ReferentInnen von VEN und Dreschflegel statt.

Der Schaugarten des Kuhmuhne e.V. wird seit 2003 in Schönhagen gehegt und gepflegt. In einem Kreis angeordnet, bieten sich der BetrachterIn die Pflanzen vom Beginn der Ackerbaukultur bis heute, gruppiert nach ihrem jeweiligen Erscheinen in Mitteleuropa. Auch finden hier Veranstaltungen zu zahlreichen Themen rund um Pflanzenvielfalt und ihre Nutzung statt.

Dazu zählen unter anderem Heilkräuterkurse, Seminare zu künstlerischer Gestaltung oder Infotage über spezielle Kulturen und deren Verwendung in der Küche. Hier arbeiten zur Zeit Catherina Merx und Petra Hesse, die von weiteren ReferentInnen für die angebotene Veranstaltungsvielfalt unterstützt werden. Für Schulen und Freilichtmuseen bieten wir z.B. unsere Weizenevolutions-Reihe an, um Interessierten die Möglichkeit zu geben, einen repräsentativen Teil der umfangreichen Weizenvielfalt zeigen zu können.


Dreschflegel e.V.
Für diese pädagogischen Aktivitäten gründeten wir Anfang des Jahrtausends den gemeinnützigen Verein Dreschflegel e.V., der sich aber auch um Züchtung kümmert und sich politisch einmischt. So führte er gemeinsam mit der Uni Göttingen ein Tomatenprojekt zu krautfäuletoleranten Tomaten durch. Zur Zeit unterstützt er einige andere Züchtungsprojekte wie z.B. Blumenkohl, Kerbelrübe, Zwiebel und Paprika. Immer noch wichtige Betätigungsfelder sind die "verbotenen Sorten", die wir nun "freie Sorten" nennen - frei von bürokratischem Korsett (s. S. 9) - sowie die Auseinandersetzungen um die Agro-Gentec.


Die Betriebe
Auch bei den Betrieben hat sich einiges entwickelt. Diejenigen, die unser Editorial in den letzten Jahren gelesen haben, sind kontinuierlich darüber informiert worden, wer gegangen und wer hinzugekommen ist. Der Kreis der AnbauerInnen hat sich netto jedenfalls verdreieinhalbfacht. Und immer noch arbeiten wir ohne ChefInnen. Die Anzahl der Treffen hat sich auf zwei im Jahr halbiert, dafür sitzen dort jetzt um so mehr Menschen zusammen.


Tag der offenen Tür
Wir Dreschflegel haben uns bei unserem letzten Treffen entschlossen, zum Jubiläumsjahr einen Tag der offenen Tür zu begehen - gleichzeitig auf einigen Betrieben, im Schaugarten und im Versand. Suchen Sie sich den Standort aus, der Ihnen am nächsten liegt oder der Sie am meisten interessiert, und besuchen Sie uns. So können Sie hautnah erleben, wie die Pflanzen, deren Samen Sie bei uns erwerben, in ihrer angestammten Umgebung gedeihen. Dieser Tag des offenen Dreschflegels wird Samstag, der 14. August 2010 sein.

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